Ziele, Strategien und Trade Offs

Eine autofreie Innenstadt steht in einem Trade-Off zu einer Mainkai-Sperrung: Wenn man den Mainkai sperrt, muss man sich vom Ziel einer autoarmen/autofreien Innenstadt für viele Jahre verabschieden.

Gibt es einen Trade-Off zwischen zwei Zielen, dann hat eine Verbesserung in Richtung des einen Ziels eine Verschlechterung in Hinsicht auf das andere Ziel zur Folge. Trade-Offs gibt es nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Verkehrswissenschaft: Verkehrswissenschaftler vergleichen das mit kommunizierenden Röhren: "Wenn man die eine dicht macht, läuft die andere über."

Eine autoarme Innenstadt und ein gesperrter Mainkai stehen genau in diesem Konflikt zueinander: Wenn man den Mainkai sperrt, hat man den nördlichen Ost-West-Verkehr weitestgehend in der Berliner Straße, wenn man die Berliner Straße sperrt, hat man ihn am Mainkai.

Im ersten Fall muss man sich vom Ziel der autoarmen Innenstadt verabschieden im zweiten Fall vom Ziel des gesperrten Mainkais. Selbst wenn ein paar tausend Autofahrer aufgrund der Sperrungen ihr Auto stehen lassen, muss man immer noch den größten Teil des Verkehrs der gesperrten Straße in die jeweils andere Straße drängen.

Diesen Trade-Off gibt es natürlich auch zwischen einer Mainkai-Sperrung und einer Verkehrswende in Sachsenhausen, dem mit 60.000 Einwohnern größten und am dichtesten besiedelten Stadtteil in Frankfurt.

Sachsenhausen leidet durch den Flughafen unter der stärksten Lärmbelastung und durch den aus Süden kommenden Berufsverkehr auch unter der höchsten Verkehrsbelastung in Frankfurt.

Das interessiert grüne und rote Politiker nicht. Sie wollen Sachsenhausen nicht nur nicht entlasten sondern noch zusätzlich mit den gigantischen Verkehrsmassen vom Mainkai belasten. Wer seit Jahrzehnten am meisten leidet, soll noch mehr leiden. So will es RotGrün. Und Volt und die FDP machen bei dieser Ungerechtigkeit mit.

 Untermainbrücke anlässlich des Verkehrsversuchs 2019

Untermainbrücke abends in 2019

Mega-Stau anlässlich der Mainkai-Sperrung 2019

Das halten SPD und Grüne für einen Fortschritt und für eine Verkehrswende:

Der größte Teil der Verkehrsmassen vom Mainkai wird auf die südliche Mainseite verlagert - mitten ins Herz von Sachsenhausen - verursacht dort todbringende Staus am Schaumainkai, ruiniert die Lebens- und Aufenthaltsqualität im größten Wohngebiet Frankfurts und wird dann einige hundert Meter flußaufwärts wieder auf die nördliche Uferstraße zurückgeführt.

Wie kann man als Politiker, der Verantwortung für die Sicherheit von Radfahrern, von tausenden Schulkindern in Sachsenhausen trägt, so etwas verantworten?

Im Falle eines Trade Offs muss man sich entscheiden. In Frankfurt drückt man sich davor. Beide Ziele werden nach außen hin aufrechterhalten um die Wählerschaft nicht zu erschrecken.

Man versucht, die Bürger für dumm zu verkaufen, indem man die Mainkai-Sperrung als ersten Schritt zu einer autofreien Innenstadt darstellt. Eine Maßnahme, die zu einem höheren Verkehrsaufkommen im Stadtzentrum führt, die uns noch weiter vom Ziel entfernt anstatt uns ihm näherzubringen, soll der erste Schritt zu einem autofreien Stadtzentrum sein?

Dass diese absurde Kommunikationsstrategie nicht mehr haltbar ist, zeigen die aktuellen Pressemitteilungen:

Der Magistrat lässt in der Presse verbreiten: "Dass die erneute Sperrung des Mainkais nicht ohne Folgen bleiben wird, ist dem Magistrat bewusst. Schließlich seien etwa 20 000 Fahrzeuge am Tag auf der Verkehrsachse unterwegs. "

Städte wie Stockholm oder Kopenhagen zeigen es uns:

Wer eine Verkehrswende herbeiführen will, muss zu beträchtlichen Investionen bereit sein. Davor drückt sich der Magistrat, versucht seine Ziele mit dem Hin- und Herschieben gigantischer Verkehrsmassen innerhalb des Stadtzentrums zu erreichen.

Wer den Mainkai sperren will, ohne ein heilloses Chaos im Zentrum anzurichten, muss vorher den Verkehr im Stadtzentrum erst einmal um mindestens 30% reduzieren.

Stockholm hat uns das schon vor 10 Jahren mit einer City-Maut vorgemacht.

Aber davon sehen wir in Frankfurt nichts, auch nicht von anderen Maßnahmen im ÖPNV oder in der P&R-Infrastruktur, die zu einer Verkehrsreduzierung im Stadtzentrum führen könnten. Außer müden, seit Jahrzehnten nutzlosen Appellen an die Pendler, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, hat der Magistrat nichts zu bieten. Es gibt keine ausreichende Park&Ride-Infrastruktur entlang der S-Bahn und an unseren Stadtgrenzen überhaupt keine. Wir haben keinen wettbewerbsfähigen ÖPNV und von einer City-Maut sind wir 10 Jahre entfernt. Selbst wenn nur ein Drittel der 380.000 Pendler umsteigen würde - der ÖPNV hätte weder das Streckennetz noch die Kapazität um sie zu transportieren.

Noch nicht einmal die kurzfristig umsetzbaren Maßnahmen werden genutzt

Kurzfristig änderbar ist das Tarifsystem im ÖPNV. Diese Möglichkeit wird seit Jahren nicht genutzt.

Völlig absurd: Unser Tarifsystem im ÖPNV benachteiligt ausgerechnet jene, die der Magistrat vom Umsteigen überzeugen will - die Bewohner der peripheren Stadtteile und der Umlandgemeinden.

Obwohl sie keine höheren Kosten verursachen (die S-/U-Bahn fährt sowieso, ob sie drinsitzen oder nicht) zahlen sie doppelt und dreifach so viel wie die gut situierten Bewohner im Zentrum, die überwiegend mit Kurzstreckentarif fahren können. Das ist nicht nur unsozial, sondern auch kontraproduktiv in Hinsicht auf eine Verkehrswende.