Öffentlicher Personennahverkehr
Andere bauen den ÖPNV aus, Frankfurt lässt ihn verrotten
In einem Stern-Artikel über Oslo, das mit seinem autofreien Stadtzentrum wie keine andere Stadt für eine erfolgreiche Verkehrswende steht, kann man lesen: "Fachleute sind sich einig, wenn das Auto zurückgedrängt wird, muss gleichzeitig der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden.“ Frankfurt hat leider keine Fachleute. Die Verkehrspolitik ist in der Hand von Radfahrerlobbyisten, die weder die verkehrswissenschaftlich-technische Expertise noch die strategischen Fähigkeiten haben, um eine Verkehrswende herbeizuführen.
Anstatt den Takt im ÖPNV zu erhöhen, wird er reduziert. Anstatt die Preise zu reduzieren, werden sie erhöht. Anstatt den ÖPNV auszubauen, lässt man ihn verrotten. Anstatt "positive Anreize" (einen wettbewerbsfähigen, praktibablen, sauberen und sicheren ÖPNV) zu setzen, setzt man "negative Anreize" (Push-Strategie), das systematische Schikanieren der Autofahrer, um sie zur Nutzung anderer Verkehrsmittel zu zwingen - zu mehr reicht es leider nicht.
Sogar die Radfahrerlobby, die ansonsten nicht durch scharfsinnige Analysen glänzt, kommt auf den Websites von ADFC und Radentscheid zu einer vernichtenden Einschätzung: "Ein günstigerer ÖPNV ist sicherlich wünschenswert, ändert aber nichts an der oft mangelhaften Anbindung und Taktung. Gerade im Hinblick auf ländliche Gebiete ist der ÖPNV heute oftmals nicht konkurrenzfähig, sodass die Pendlerinnen und Pendler lieber auf das Auto setzen. Insofern müsste hier parallel zur Kostenreduzierung ein massiver Ausbau stattfinden.“
Die Radfahrerlobbyisten liegen ausnahmsweise mal völlig richtig: Hinsichtlich Organisation, Flächendeckung, Taktung, Praktikabilität sowie Technologie & Digitalisierung liegen wir nicht Jahre, sondern Jahrzehnte hinter den Niederlanden, den asiatischen und den skandinavischen Metropolen zurück.
So lange der Frankfurter ÖPNV nicht wettbewerbsfähig wird, der Verkehrszufluss von außen durch einen praktikablen, preislich wettbewerbsfähigen ÖPNV nicht gravierend eingedämmt wird, wird es keine Verkehrswende geben.
ÖPNV: Asien und Skandinavien vorne - Frankfurt weit hinten
Im weltweiten Vergleich liegen wir nicht Jahre sondern Jahrzehnte hinter den führenden Metropolen. Hier ein Vergleich zu Stockholm, das mit der Schönheit seiner Stationen und der preislichen Wettbewerbsfähigkeit noch ein wenig heraussticht.

ÖPNV in Frankfurt
Mangelhafte Flächendeckung und Taktung: Bei weitem nicht alle relevanten Umlandgemeinden sind per ÖPNV erreichbar, lange Wartezeiten in der Peripherie und in den Umlandgemeinden.
Verdreckt und heruntergekommen: Obdachlose campieren in einigen der Stationen. In vielen Stationen gibt es seit Jahren keine Deckenverkleidung mehr. Die Böden sind von Kaugummi-Resten übersät, Müll liegt herum, die Wände sind voller Schmierereien, in vielen Ecken stinkt es nach Urin. Die Toiletten sind eine Schande für unsere Stadt.
Unpraktisch und kompliziert: Man braucht eine Fahrkarte, muss sich mit einem komplizierten Tarifsystem herumschlagen, muss auf einem versifften Monitor herumdrücken, durch seitenlange Menues auf einem Fahrkarten-Automaten aus der IT-Steinzeit navigieren.
Nicht wettbewerbsfähig: Die Preise sind hoch. In Berlin fährt man mit 2€ 15 km weit von Spandau bis ins Zentrum, in Frankfurt kommt man damit vom Schweizer Platz gerade mal über den Main. ÖPNV-Nutzung macht jeden Einkauf im Stadtzentrum unwirtschaftlich.

ÖPNV in Stockholm
Flächendeckend und hoch getaktet: Alle Umlandgemeinden sind per ÖPNV erreichbar, alle paar Minuten fährt die Bahn.
Sauber und schön: Wundervoll gestaltete U-Bahn-Stationen mit sauberen, glänzenden Böden und Wänden.
Praktikabel und und bequem: Eine Fahrkarte braucht man nicht, mit Tarifzonen muss man sich nicht beschäftigen. Man bezahlt und fährt kontaktlos, hält beim Ein- und Aussteigen EC-/Kreditkarte, AppleWatch oder Mobiltelefon unter einen Scanner, der Preis wird automatisch berechnet und belastet.
Wettbewerbsfähig: Stockholm kombiniert eine City-Maut mit einem perfekten ÖPNV. Die City-Maut dient dazu, dem ÖPNV zusätzlich noch einen gravierenden preislichen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Auto zu verschaffen.
Dass man unter ähnlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen wie in Frankfurt einen ÖPNV gestalten kann, mit dem es Spaß macht, ihn zu benutzen sieht man an den U-Bahn-Stationen in Stockholm
Weitere Details dazu in einem Welt Artikel.
Rückständigkeit und Tarifsystem verhindern Verkehrswende
Kontaktloses Bezahlen und kontaktloses Fahren ist weltweit Standard, nur in Frankfurt nicht. Und unser überkomplexes Tarifsystem hindert mit seinen Preisen Bewohner der peripheren Stadtteile und der Umlandgemeinden daran, vom KFZ auf den ÖPNV umzusteigen.
Überall weltweit werden technologische Innovationen wie NFC (Near Field Communication) genutzt, um ÖPNV-Nutzung kontaktlos, einfach, praktikabel und bequem zu machen. Man hält beim Ein- und Aussteigen einfach eine Karte, die Applewatch oder das Handy unter einen NFC-Scanner, der Preis wird entfernungsabhängig berechnet und dem Konto belastet.
In Frankfurt stehen wir seit 20 Jahren in den U-Bahn-Stationen immer noch vor denselben grünen Kästen aus der IT-Steinzeit, müssen auf einem verdreckten Monitor herumdrücken, auf dem jeden Tag Tausende ihre Bakterien hinterlassen.
Ein Tourist, der zum ersten Mal vor einem unserer grünen Kästen steht, braucht meistens Hilfe von Einheimischen. Während er anderswo einfach einsteigt, sich kontaktlos registriert, braucht er in Frankfurt Minuten, bis geklärt ist, welche Fahrkarte er braucht.
Dieses Tarifsystem ist ein Witz. Das Design-Prinzip: Nicht so einfach, sondern so kompliziert wir möglich. Um festzustellen, welche Fahrkarte man benötigt, muss man sich mit einem überkomplexen Tarifsystem mit unzähligen Tarifen beschäftigen.
Mit diesem Tarifsystem wird eine Verkehrswende aktiv verhindert. Es bestraft genau diejenigen, die wir am dringendsten zum Umsteigen auf den ÖPNV überzeugen müssen, wenn wir eine Verkehrswende herbeiführen wollen - die Bewohner der Stadtperipherie und der Umlandgemeinden. Für eine vierköpfige Familie aus Eschersheim, die ins Zentrum will, weil sie einkaufen, in ein Kino oder in ein Restaurant will, werden annähernd 30 EURO fällig. Damit ist jeder Einkauf im Zentrum unwirtschaftlich, die Familie setzt sich lieber ins Auto und fährt ins Nordwestzentrum.